Mein Leben auf Tobago

Jörg TobagoDer nachfolgende Gastartikel ist von Jörg Kilian, der seit 1998 auf der Insel Tobago lebt (die kleinere der beiden Inseln von Trinidad & Tobago).

Es ist schon etwas Besonderes, auf eine so kleine Insel in der Karibik mit seinen ca. 60.000 Einwohnern auszuwandern. Das bedeutet nicht, dass in Tobago alles viel schöner und besser ist als im manchmal grauen Europa. Ja, die palmenumsäumten Strände sind oft einsam und schimmern goldgelb in der karibischen Sonne, das Wasser hat angenehme 28 Grad und lädt ein zum Baden, Wellenreiten oder Tauchen. Ein großer Teil von Tobago ist hügelig und mit ursprünglichem Regenwald bedeckt. Hier fühlen sich Naturliebhaber, Vogel- und Schmetterlingsfreunde oft sehr wohl. Ja, all dies hat mir imponiert, als ich im Jahre 1998 erstmals diese Insel besucht habe. Doch warum bin ich nach Tobago ausgewandert? Vielleicht mögen andere in Zukunft etwas nachsichtig über mich urteilen und behaupten, ich sei eben noch etwas jung, dumm und naiv gewesen.

Strand auf Tobago

Das Leben auf Tobago unterscheidet sich fundamental von einem Urlaub, und bei genauerer Betrachtung ist diese Insel in vielerlei Hinsicht viel weniger paradiesisch als man sich das von der Ferne aus betrachtet so vorstellen mag. Zum einen wachsen zwar die Kokospalmen in den Himmel, was aber nicht bedeutet, dass einem Manna und Wachteln in den Schoß fallen. Und so habe ich schon bald nachdem ich nach Tobago ausgewandert war richtig hart gearbeitet, um auf www.caribean.de eine Website zur Vermittlung von Unterkünften zu erstellen, mit der ich mir über viele Jahre eine Existenz aufbauen konnte. Da die Angestelltenlöhne zumeist sehr niedrig sind und im übermächtigen öffentlichen Sektor mit Vorliebe Einheimische angestellt werden – die Kompetenz und Qualifikation ist hier schon einmal zweitrangig – ist es oft von Vorteil, sein Glück in der Selbstständigkeit zu suchen.

Tobago am Strand

Allerdings ist der Tourismus-Sektor relativ schwach ausgeprägt und Tobago genießt international nicht den Ruf, den weltbesten Service im Dienstleitungsbereich anzubieten. Dies hängt auch mit den Rohstoffvorkommen des Landes Trinidad und Tobago zusammen. Tatsächlich ist die Schwesterinsel Trinidad mit ihren ca. 1,3 Mio. Einwohnern industriell geprägt und besitzt einen mitunter hochproduktiven Energiesektor. Der Staat gilt als bedeutender Produzent von Methanol und Ethanol und man findet in Trinidad auch Erdgasverflüssigungsanlagen. Von diesen Einnahmen lässt es sich im strukturschwachen Tobago schon mal recht gut leben – sofern man die richtigen Beziehungen und damit Zugang zu den entsprechenden Quellen hat. Als exotischer Ausländer habe ich dies nicht.

Leben auf Tobago

Ja, aufgrund meiner kulturellen Herkunft komme ich mir schon wie ein Exot vor – und wahrscheinlich bin ich es auch. Von diesen und anderen Themen schreibe ich in meinem Blog unter http://www.caribean.de/tobago-blog/. Manchmal sind es auch einige sogenannte Selbstverständlichkeiten aus Europa, die sich auf Tobago als gar nicht so selbstverständlich erweisen. So ist die karibische Region leider gewalttätiger, korrupter und auch die soziale Kluft ist hier wesentlich größer als im Herzen von Europa. In meinem Blog liefere ich hierfür die entsprechenden Quellen und Statistiken.

Auf einer kleinen Insel wie Tobago unterliegt man auch durchaus einer höheren Gefahr, zu sehr dem Alkohol oder anderen karibischen Genussmitteln zu frönen, sofern man keine Aufgabe gefunden hat, die einen ausfüllt. So komisch es klingen mag: Gerade in Tobago benötigt man als Mitteleuropäer ein höheres Maß an Selbstdisziplin und psychischer Widerstandskraft. Das Leben in der Karibik schaut von außen betrachtet oft süß und verlockend aus – in Wirklichkeit ist es jedoch oft knüppelhart. Das merkt man oft erst, wenn man ungebeten mit unseriösen Geschäftsleuten, Polizei oder Justiz in Kontakt kommt. Vielleicht sollte man auf Tobago Erbe oder Künstler sein. Da ich beides nicht bin, habe ich das Schreiben für meinen Blog als Hobby entdeckt – und ich liebe es, an einem fast menschenleeren Strand bei einer frischen Brise herrlich joggen zu können. Und wenn mein Sohn groß genug ist, dann möchte ich zurück nach Deutschland…

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